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Das Individuum beugt sich nicht dem Markt – Wolfgang Kubin bei “Dialogue”


<von Sven Hänke>
Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin war am 07.11.2010 Gast beim chinesischen Staatfernsehen auf CCTV 9. In dem Gespräch mit dem Moderator Yang Rui, das auf Englisch geführt wurde, ging es vordergründig um die chinesische Literatur.
Wolfgang Kubin hält große Teile der modernen chinesischsprachigen Literatur für schlecht und an der Befriedigung des Marktes orientiert. Der eigentlich für seine ruhige Art bekannte Moderator fühlte sich durch die in seinen Augen radikale Sichtweise offensichtlich etwas provoziert.

Es ensteht ein Disput über die Rolle des Marktes, während dessen Yang Rui seinem Gast vorwirft, im 19. Jahrhundert zu leben. Und als Kubin daraufhin entgegnet, dass er darin kein Problem sehe, kommt es zu folgendem Dialog (Übers. S.H.):

Yang Rui: “Aber wir haben doch den Fortschritt. Sozial und ökonomisch”
Wolfgang Kubin: “Das ist doch in keiner Weise ein Fortschritt.”
Yang Rui: “Sie stelllen sich vollkommen gegen die Geschichte.”
Wolfgang Kubin: “Der Weg, den wir gehen, ist ein Weg in den Tod.”
Yang Rui: “Sie sind vielleicht ein wenig pessimistisch in Bezug auf den Weg, den die Menschheit genommen hat”
Wolfgang Kubin: “Ich bin keineswegs pessimistisch. Ich will mich nur nicht selbst betrügen. Und deswegen muss ich an dieser Stelle auch auf Konfuzius zurückkommen. Konfuzius hat auf die Frage nach einer guten Entwicklung  gesagt, dass es eine langsame Entwicklung sein muss und man niemals zu sehr auf den schnellen Profit achten sollte. Und egal ob Amerika, Deutschland oder China. Unsere Entwicklung geht zu schnell voran”

Ein Bewunderer ist Kubin hingegen von der modernen chinesischen Poesie vertreten durch Literaten wie Ouyag Jianghe (欧阳江河) oder Zhai Yongming (翟永明).

Zang Rui: “Wie erklären Sie sich die Stärke der chinesischen Poesie?”
Wolfgang Kubin: “Der Erfolg der chinesischen Poesie ist zurückzuführen auf den Glauben an die Menschlichkeit und die Stärke des Individuums, das als eine wahrhaftige Person zu überleben versucht und sich nicht den Gesetzten des Marktes beugt. Denn der Markt produziert Menschen. Und diese Menschen wissen nicht, wer sie sind.”

Hier das ganze Interview bei CCTV:



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Written by Sven Haenke

Sven Hänke war fünf Jahre DAAD-Lektor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Beijing. Derzeit forscht er an der Humboldt Universität zu Berlin zum Thema Zeit-Metaphorik im Deutschen und Chinesischen. Seine Texte hier auf Doppelpod sind unter Creative-Commons 3.0 lizensiert. Sie sind geistiges Gemeingut – virtuelles Weltkulturerbe sozusagen. Sie können sie ausdrucken, weiterleiten, tweeten, verschenken, auf File-Sharing-Plattformen mit ihren Freunden teilen, in Foren posten, auf Ostereier drucken, ein Libretto daraus machen, ins Molwanische übersetzen, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Nur Geld verdienen dürfen Sie damit nicht.

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