Articles Comments

Doppelpod – Deutschland und China » Deutschland, Gesellschaft, News » Warum ist “Wutbürger” das Wort des Jahres 2010?

Warum ist “Wutbürger” das Wort des Jahres 2010?

Image: anankkml / FreeDigitalPhotos.net

<von Sven Hänke>
Wenn man 2009 einen Deutschen gefragt hätte, was ein Wutbürger ist, dann wäre die Antwort höchstens ein Schulterzucken gewesen. Er hätte es nicht gewusst. „Wutbürger?“, hätte er gefragt. „Kenne ich nicht.“ Im Laufe des Jahres 2010 hat sich das geändert. Dieses Wort wurde von der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS)  zum „Wort des Jahres 2010“ gewählt.

Die GfdS wählt jedes Jahr ein Wort, das in den öffentlichen Diskussionen einen besonderen Stellenwert einnimmt. Die Neubildung „Wutbürger“ sei deshalb besonders charakteristisch für das Jahr 2010, weil es die Empörung vieler Deutscher zum Ausdruck bringt – die Empörung darüber, dass viele Entscheidungen von Politikern getroffen werden, ohne dass die Bürger eine Möglichkeit der Mitbestimmung haben. In der Begründung der GfdS ist nachzulesen, dass das Wort ein großes Bedürfnis der Deutschen dokumentiert, neben dem demokratischen Wahlrecht ein Mitsprache bei Projekten der Regierung zu haben.

Wie das Wort genau entstanden ist, ist nur sehr schwer nachzuvollziehen. Fest steht aber, dass das Wort durch einen Artikel des Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bekannt geworden ist. Am 11. Oktober 2010 veröffentlichte der deutsche Journalist und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit dort einen Essay mit dem Titel “Der Wutbürger”. In diesem Artikel bringt Kurbjuweit zwei eigentlich ganz unterschiedliche Ereignisse miteinander in Verbindung, die für die politische Diskussion des Jahre 2010 besonders bedeutend waren.

Das erste Ereignis war die Veröffentlichung Buches „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. In seinem Buch vertritt Sarrazin unter anderem die These, dass die mangelnde Integration von Ausländern für die Gesellschaft viele Risiken und Probleme bringt. Außerdem begründete er einige Unterschiede zwischen Deutschen und muslimischen Ausländern mit genetischen Differenzen. Viele Deutsche hielten Sarrazins Thesen für falsch und kritisierten sie als fremdenfeindlich und rassistisch. Nicht wenige Deutsche jedoch fanden die Analyse Sarrazins zutreffend. Sie waren wütend darüber, dass die Politik nicht genug getan hat, um sich den Herausforderungen zu stellen, die durch die hohen Ausländeranteile in den deutschen Großstädten entstanden sind. Viel Unmut richtete sich auch gegen Ausländer, die nicht bereit sind, sich in sprachlich und sozial in Deutschland zu integrieren. Die Debatte um das Buch wurde sehr heftig geführt.

Das zweite Ereignis waren die teils sehr wütenden Proteste von Teilen der Bevölkerung gegen den Bau des neuen Hauptbahnhofes in Stuttgart. Die Gegner dieses Bauprojektes, das den Namen „Stuttgart 21“ trägt, versuchten durch Demonstrationen und Blockaden den Bau zu verhindern. Viele der Demonstrationen waren friedlich. Aber teilweise gab es auch Auseinandersetzungen mit der Polizei. In einigen Fällen führte das zu Gewalttätigkeiten, bei denen Menschen verletzt wurden.

Ähnlich wie bei der Diskussion um das Buch von Thilo Sarrazin waren im Falle von Stuttgart 21 die protestierende Bürger nicht einverstanden mit den Entscheidungen und Standpunkten der demokratisch gewählten Politiker. Sie fühlten ihre Ansichten und Meinungen nicht ausreichend berücksichtigt. Das Wort “Wutbürger” steht also für den offen gezeigten Unmut der Bevölkerung gegenüber der Politik der Volksvertreter, die ja eigentlich die Meinungen und Ansichten der Mehrheit des Volkes repräsentieren sollten. So sieht es zumindest die Gesellschaft für deutsche Sprache.



Sprachreisen weltweit



Was ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit uns über den Artikel! Einfach einen beliebigen Namen und eine beliebige E-Mailadresse angeben, den Captcha abtippen und den Kommentar veröffentlichen.

Written by Sven Haenke

Sven Hänke war fünf Jahre DAAD-Lektor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Beijing. Derzeit forscht er an der Humboldt Universität zu Berlin zum Thema Zeit-Metaphorik im Deutschen und Chinesischen. Seine Texte hier auf Doppelpod sind unter Creative-Commons 3.0 lizensiert. Sie sind geistiges Gemeingut – virtuelles Weltkulturerbe sozusagen. Sie können sie ausdrucken, weiterleiten, tweeten, verschenken, auf File-Sharing-Plattformen mit ihren Freunden teilen, in Foren posten, auf Ostereier drucken, ein Libretto daraus machen, ins Molwanische übersetzen, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Nur Geld verdienen dürfen Sie damit nicht.

Filed under: Deutschland, Gesellschaft, News · Tags: , , , , , ,

One Response to "Warum ist “Wutbürger” das Wort des Jahres 2010?"

Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>