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Winterkorns Ernte auf den Äckern Amazoniens

<Sven Hänke>
Wie Fefe bemerkt hat, ist es jetzt endlich soweit. Yippie Yah Yei, die chinesischen Staatsmedien berichten über die erschreckenden Zustände auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Die staatlichen Propagandatröten zelebrieren ja schon länger genüsslich jeden Fleischskandal in Deutschland, als wären die abgelaufenen und umetikettierten Schweineschnitzel und die Lasagne à la Fumier de Cheval ein Beleg dafür, dass die Situation in der westlichen Nahrungsmittelindustrie ähnlich desaströs ist wie in der heimischen Volksrepublik. Es wird aber wohl noch ein ganzes Weilchen dauern, bis die deutschen Mütter aus Angst um ihre Kinder die Milchpulverregale der chinesischen Supermärkte plündern. Die Chinesen haben nicht vergessen, wie man 2008 das Leben unschuldiger Kinder aufs Spiel gesetzt hat, um in der Olympiavorbereitung das Gesicht zu wahren. Niemand glaubt heute in China daran, dass die verfilzten Behörden gewillt oder überhaupt in der Lage sind, durch Kontrollen die üblen Machenschaften der Konzerne aufzudecken. Und die chinesischen Medien? Darauf einen Roflcopter!

Ich kenne persönlich viele Chinesen, denen die Gesundheit ihrer Kinder am Herzen liegt und die daher versuchen, Milchpulver aus dem Ausland zu besorgen. Diese Story ist also keineswegs an den Haaren herbeigezogen. OK, die BILD ist mal wieder deutlich übers Ziel hinausgeschossen mit der Behauptung, dass „die Chinesen den deutschen Babys die Milch wegtrinken.“ Aber die Schmierlappen von der Idiotenpost haben irgendwann wohl auch gemerkt, dass ihre Überschrift selbst gemessen an ihren eigenen Ansprüchen extrem bekloppt ist. Derzeit nennt sich der Artikel „Chinesen-Babys trinken deutsche Milch“. Ursprünglich hieß er aber tatsächlich genau so: „Chinesen trinken den deutschen Babys die Milch weg! (in der URL heißt der Text auch immer noch so)“ Das Ganze wurde natürlich mit dem BILD-typischen Empörungsausrufezeichen versehen, damit auch jeder geistige Schattenparker versteht, dass es jetzt an der Zeit ist, die von Gabor Steingart in seiner Zeit beim Spiegel verbrochene Metaphorik vom „Weltkrieg um Wohlstand“ wieder zu aktivieren. „Oh nein, jetzt ist es soweit. Der Chinese mit seinem immerwährenden Hunger nach Macht und seinem unstillbaren Durst nach Ressourcen macht sich in seiner Gier an die Milch unserer Kinder heran. Oh nein, Dr. Fu Manchu, die gelbe Kralle und Gong aus der Lindenstraße planen, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Oh nein, als erstes sind die Kinder dran. Mit einem gewaltigen Saugrüssel saugen sie die Baby-Milch aus Deutschland ab…“

Hallo? Wie wäre es, wenn Milupa einfach mal die Regale etwas schneller wieder nachfüllt und eine Dankesrede an die neuen Kunden aus China verfasst. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo etwas von „Peak Milk“ gelesen zu haben. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Milchproduktion in Europa wegen deutlicher Überschüsse immer noch quotiert.

Aber lassen wir mal die Schmierfinken von der Ballermannbäckerblume beiseite. Ich wollte ja eigentlich darauf hinweisen, dass die Kritik an Amazon.de dazu geführt hat, dass man in China nun auch über die Problem des deutschen Sozialstaates berichtet. Ich habe dazu folgende Anmerkungen:

1. Ich respektiere den Protest gegen das Lohn-Dumping bei Amazon. Spiegelfechter und Nachdenkseiten haben schon vor einigen Monaten die Zusammenarbeit aufgekündigt, weil sie das auf Ausbeutung fußende Unternehmensmodell von Amazon und dessen Quasi-Monopolstellung ablehnen. Ich werde meine Mini-Kooperation mit Amazon aber nicht aufgeben, denn…
2. die Zustände bei Amazon.de sind in keinster Weise mit den Zuständen in der chinesischen Industrie zu vergleichen.
3. Und: Das derzeitige Wirtschaftsmodell, in dem deutsche Firmen eine führende Rolle einnehmen, fußt in zunehmendem Maße auf Ausbeutung. Amazon ist keine Besonderheit. Sie haben die Kosten gesenkt, die Abläufe rationalisiert und die Gewinne gesteigert. Nichts anderes machen z.B. VW und Siemens in China.

Jeder deutsche Amazon-Arbeiter ist sozial deutlich besser abgesichert, er arbeitet weniger und er verdient mehr als die chinesischen Arbeiter bei deutschen Firmen in China. Ich würde dies gern mit Zahlen belegen, aber komischerweise finden sich zu den Arbeitsbedingungen der chinesischen Arbeiter in deutschen Firmen selten Berichte in der Presse. Martin Winterkorn verzichtet auf seinen Bonus? Klar, das ist ein Thema. Darüber berichtet man und allen voran die Spackos von der Blödzeitung, die ohnehin zwischen PR und Journalismus selten einen Unterschied machen. Nein, auf den Martin, da lassen wir nichts kommen. Dass der feine Herr Winterkorn dann aber immer noch am Tag viel viel mehr verdient, als die meisten seiner chinesischen Angestellten in einem Jahr, das interessiert uns nicht, oder?

Lieber SPIEGEL, das ist der Skandal. Unsere deutschen Vorzeigefirmen sind zu raubtierkapitalistischen Blutsaugern verkommen, die ihre Produktionsstätten zunehmend dort ausbauen, wo man an den Arbeitnehmern noch so richtig die Sau rauslassen kann. Die Gewinne werden dann fast ausschließlich nach oben verteilt. Aber warum findet man denn diese traurige Wahrheit, ebenso wie die Meldungen über Korruptionsskandale im hausfrauenpanzerproduzierenden Gewerbe, nur im Kleingedruckten der Totholzmedien? Ach ja, liebe Lohnschreiber, die zahlen ja eure Gehälter. Oder können es sich die deutschen Verlagshäuser wirklich leisten, einen Großkunden aus der Automobilbranche zu verprellen? Nein? Na, dann schreibt man doch wohl lieber die hundertste Skandalmeldung über den Apple-Zulieferer Foxconn. Ich kann mir allerdings nicht so richtig vorstellen, dass es bei den Zulieferern der deutschen Firmen so wahnsinnig anders aussieht. Aber vielleicht irre ich mich auch, die Westen der deutschen Vorzeigefirmen sind blütenweiß und es ist nur der böse Kapitalismus aus den USA, der in dieser Saison rosageblümte Tarnmütze und blutverschmierte Metzger-Schürze trägt .

Aber echt jetzt. Was kümmert mich Amazon? Die Moral des aktuellen Shitstorms lautet: Wenn wir jetzt nicht aufpassen, haben wir bald chinesische Zustände. Da liegt der Denkfehler. Wir haben doch jetzt schon chinesische Zustände, nur eben in China. Diese Doppelmoral wird uns in absehbarer Zeit um die Ohren fliegen. Ohne die billigen Konsumgüter aus dem Ausland wäre unser eigener, global gesehen extrem dekadente Lebensstil nicht zu halten. Ohne die gewaltigen Gewinn-Margen der deutschen Produktionsstätten in den Schwellenländern wäre die deutsche Industrie nicht mehr überlebensfähig. Oder doch? Ich weiß es nicht wirklich, denn darüber schreibt ja niemand. Also, liebe deutsche Edel-Federn, zeigt doch mal, dass ihr euer Geld wert seid und ihr mehr könnt, als in den flachen Erregungswellen der weichgespülten öffentlichen Meinung zu planschen. Macht doch mal was über die soziale Gerechtigkeit innerhalb der weltumspannenden deutschen Multis. Skandalisiert das mal, denn das ist die Aufregung auch wert. Dann verspreche ich auch, euch meine verkorksten Gedichte in letzter Tinte zu ersparen. Röchel, over and out!






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Written by Sven Haenke

Sven Hänke war fünf Jahre DAAD-Lektor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Beijing. Derzeit forscht er an der Humboldt Universität zu Berlin zum Thema Zeit-Metaphorik im Deutschen und Chinesischen. Seine Texte hier auf Doppelpod sind unter Creative-Commons 3.0 lizensiert. Sie sind geistiges Gemeingut – virtuelles Weltkulturerbe sozusagen. Sie können sie ausdrucken, weiterleiten, tweeten, verschenken, auf File-Sharing-Plattformen mit ihren Freunden teilen, in Foren posten, auf Ostereier drucken, ein Libretto daraus machen, ins Molwanische übersetzen, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Nur Geld verdienen dürfen Sie damit nicht.

Filed under: China, Deutschland und China, Gesellschaft · Tags: , , ,

12 Responses to "Winterkorns Ernte auf den Äckern Amazoniens"

  1. Stephen says:

    Der “Apple-Zulieferer” Foxconn beliefert neben Apple u.a. auch Acer, Amazon, Dell, HP, Intel, Microsoft, Samsung, Sony und Toshiba.

    Und das ist die Stelle wo aus den ohnehin nutzlosen Boykottaufrufen ein ganz mieser Witz wird.

    1. Sven Haenke says:

      Wichtiger Punkt. Ich habe auch nie verstanden, warum man immer nur auf Apple herumhackt, wenn es um Foxconn geht. Die komplette Computerindustrie lässt doch in China unter ähnlichen Bedingungen produzieren.

    2. Ruedi says:

      Foxconn produziert auch für die chinesischen Smartphone-Hersteller, wie z.B. Xiaomi. Der Unterschied ist aber, dass andere Firmen den Preisvorteil, den sie durch die miesen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen erzielen, zumindest teilweise an die Konsumenten weitergeben Während Apple alles behält.

      Ansonsten können wir uns darauf einigen, dass das ökonomische Prinzip nicht unbedingt dazu beiträgt die Welt schöner, sozialer und gerechter zu gestalten.

  2. Tippfehler says:

    *Creative-Commons ;)

    1. Sven Haenke says:

      Jetzt hab ich es auch gesehen. Danke!

  3. Stube says:

    Positiv betrachtet: vielleicht bekommt das Stillen ja nochmal eine Renaissance wenn das Pulver knapp wird

    1. Sven Haenke says:

      Hao ba! Ist ohnehin gesünder;)

  4. DoppelM says:

    Und was wenn die Chinesischen Medien das genau aus dem Grund so gern aufgreifen, weil sie damit an die eigenen Zustände erinnern können, ohne in Zensur-Gefahr o.ä. zu kommen?

    1. Sven Haenke says:

      Das ist etwas zu positiv gedacht, denke ich. Bei den meisten chinesischen Journalisten habe ich das Gefühl, dass es ihnen Spaß macht, auch mal mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen. Sie fühlen sich vom China-Bashing ja immer auch persönlich gekränkt und nutzen die Gelegenheit, auch einmal auszuteilen.

  5. justrecently says:

    Bei den meisten chinesischen Journalisten habe ich das Gefühl, dass es ihnen Spaß macht, auch mal mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen.

    Oder es handelt sich um einen sachdienlichen Hinweis aus der Propagandaabteilung.
    Grundsätzlich glaube ich, dass die KP Chinas in dem Punkt schlichtweg vom Ausland lernt – mir scheint, es wird unterschätzt, wieviele Gespräche zwischen chinesischen und europäischen “Peers” gibt. Zu dem Zweck veranstaltet Xinhua ja internationale “Mediengipfel” – und ich bin sicher, der eine oder ander deutsche Politiker jammert sich bei Opa Wen auch mal ordentlich aus und beneidet ihn um den “Respekt”, den chinesische Politiker bei ihrem Volk genießen.

  6. admin says:

    Ich wollte damit eigentlich nur sagen, dass ich nicht glaube, dass diese “kritische Berichterstattung” über das westliche Ausland etwas ist, womit indirekt die eigene Regierung kritisiert werden soll, sondern anderen Zecken dient, u.a. der Ablenkung von inneren Problemen.

  7. admin says:

    @ruedi: Kein Widerspruch! Der Ruedi von Weibo? Willkommen in der alten Welt.

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