Articles Comments

Doppelpod – Deutschland und China » China, Gesellschaft » Im Krankenhaus

Im Krankenhaus

<ein Gast-Artikel von Bernhard Wessling>

Nur wenige Monate später ereilt mich eine Verletzung beim Fußball, an einem Samstagabend beim Spiel unter Flutlicht. Unser linker Verteidiger spielt auf einer Höhe von nur elf, zwölf Metern nahezu unbedrängt einen vollkommen sinnlosen Querpass nach rechts, wo nicht einmal unser rechter Verteidiger rumdöst, auch kein gegnerischer Spieler. Es war keine Rückgabe zu mir, es war kein Querpass auf unseren Libero (der etwa zwei Meter außerhalb des 16ers steht), es war einfach Unsinn. Ich laufe sofort los, muss also dem Ball hinterherlaufen, mir entgegen kommt ein gegnerischer Stürmer, der dem Ball entgegenlaufen kann, sich also im Vorteil wähnt a) weil ihm der Ball von schräg vorn entgegenkommt, b) weil er nur halb so alt ist wie ich und sicher denkt „den YeYe (= ‚Opa‘) spiel ich locker aus“ (der Stürmer kennt mich, ich kenne ihn als extrem schnellen und trickreichen stürmischen jungen Mann).

Opa YeYe ist aber schnell, besonders wenn er das Tor verteidigen will, und er hat heute schon einige Bälle heldenhaft gehalten. Diesmal ist Opa YeYe eine Zehntelsekunde eher am Ball als der Stürmer, und dort, wo vor einer Zehntelsekunde der Ball war (aber von mir weggeschossen wurde), ist nun mein Unterschenkel, die Innenseite, und kurz darauf zuerst der Stürmerschuh, dann ein stechender Schmerz unterhalb der Kante meines Schienbeinschoners.

Minutenlang kann ich nicht einmal aufstehen vor Schmerzen. Dann bemerke ich aber, dass nichts gebrochen zu sein scheint, ich stehe auf und (erster Fehler) spiele noch ca zehn Minuten unter Schmerzen weiter bis zur Pause.

Am Wochenende rufe ich Fang ShiFu an, meinen Fahrer, an: Ich möchte am Montag früh ins Krankenhaus, mich untersuchen lassen. Er protestiert, als ich ihm sage, ich wolle ins SheKou Volkskrankenhaus: „Das ist nicht gut genug, du musst ins Zentralkrankenhaus! Ich habe auch einen Freund dort, der wird uns helfen.“ Nun telefonieren wir im Dreieck mit SunLi, weil ich nicht alles sofort verstehe.

Am Montag fahren wir früh los, wir wollen „vor dem Massenandrang“ im Krankenhaus sein, es sind ca 40 km zu fahren. Wir haben zweierlei unterschätzt: erstens den Verkehr, zweitens, dass der Massenandrang auch vor dem Massenandrang dort sein wollte, so dass schließlich doch alle schon vor uns da waren, bevor wir früh eintrafen.

Der Verkehr und die zusätzlich erforderliche Zeit, die man braucht, um schließlich im Krankenhaus selbst dorthin zu gelangen, wo man eigentlich hin will, ermöglichte es mir, Folgendes im Gespräch mit meinem Fahrer zu verstehen: Sein Freund ist nicht, wie ich dachte, Arzt, sondern Elektriker; hhhmmm (wie kann mir ein Elektriker im Krankenhaus helfen?); er ist sein Freund, weil seine 20-jährige Tochter aus erster Ehe einen Freund hat, dessen Vater nun passenderweise ebendieser Elektriker ist.

Das Krankenhaus entpuppt sich als Kleinstadt hinter Mauern, die Zufahrt ist eine erste Geduldsprobe, wer die nicht meistert, hat offenbar kein Recht, sich behandeln zu lassen. Auf dem Krankenhausgelände liegen Dutzende Gebäude, zumeist 20 – 30 Jahre alt, also aus der Frühzeit von ShenZhen. Die Straßen sind schmal und verstopft, keine Chance, hier einen Parkplatz zu finden.

Fang ShiFu wird wohl im Kreis fahren (bzw. eher „schleichen“) müssen, während ich mit dem Elektrikerfreund durchs Krankenhaus irren werde, befürchte ich. Ich hätte in das mir bekannte Krankenhaus gehen sollen … Fang ShiFu telefoniert aktiv mit seinem Freund, ich verstehe, dass er sich entschuldigt, dass es länger dauerte, weil …, und an welchem Gebäude wir nun sind und bitte welche Straße rechts und links zu fahren sei, um Gebäude F20 zu finden.

Plötzlich halten wir an einer Einbiegung, dort sind zur Absperrung „Verkehrsleitkegel“ (Pylonen) aus Kunststoff aufgestellt, ein Wächter eilt herbei, räumt drei Pylonen zur Seite, wir fahren ein, jemand tritt an unser Auto heran und begrüßt Fang ShiFu herzlich – offenbar der Elektriker! So ist es. Wir haben eine unsichtbare VIP-Karte und einen vorreservierten Parkplatz.

Nun gehen wir durch verschiedene Straßen und Gebäude und Gänge, erreichen die Lobby, wo man sich anmelden und die Grundgebühr zahlen muss, nein: müsste, denn wir durchqueren sie nur (allein dies ist mühevoll, weil Hunderte von Menschen hier stehen, warten, drängeln) und quetschen uns in einen der nächsten erreichbaren Aufzüge.

Oben erreichen wir eine Tür, vor der ein Wächter steht und auf der klar und deutlich (in sogar für mich gut lesbaren und zweifelsfrei verständlichen chinesischen Schriftzeichen) steht, dass man hier nicht hineingehen darf. Der Wächter lässt uns ein, nachdem er mit dem Elektriker ein paar freundliche Worte gewechselt hat.

Der Elektriker-Freund führt uns an Krankenzimmern vorbei in ein Arztzimmer, vier Ärzte, sechs Schwestern. Er spricht einen Arzt an, der offenbar der Chef ist, Song DeLian. Aber die anderen Ärzte und Schwestern und unser ¬Elektriker-Freund nennen ihn „Da Song“.

Der Arzt schaut sich mein Bein an, murmelt, runzelt die Stirn, fragt mich, wie es dazu kam, ich erkläre ihm auf Stammelchinesisch den Ablauf. „Habe ich dich nicht vor ein paar Wochen gesehen? In Xia Sha Cun, in meinem Heimatdorf? Hast du da nicht fotografiert?“ Ja, das stimmt, wieso hat er mich gesehen und wiedererkannt?

Er hatte mich aus dem Augenwinkel gesehen, als ich herumlief, die Karten oder MaJiang spielenden Menschen fotografierte, das passiert nicht alle Tage, wie er meint, und sehr selten kommen Ausländer in das Dorf. Wir plaudern ein wenig (so weit mein Chinesisch reicht) über das „Dorf“, über seine Eltern, seine Herkunft.

Nach wenigen Minuten entscheidet er, dass ich eine Ultraschall- und eine Röntgenuntersuchung machen lassen sollte. Dazu müssen wir nun in die entsprechenden Abteilungen gehen und Vorkasse leisten. Zuerst Ultraschall. Wir kommen in eine Etage, in der etliche Dutzend Menschen stehen, warten, drängeln und ihre Zahlung abliefern wollen. Das kann mich viel Zeit kosten …, nicht aber mit Hilfe meines Fahrers Elektriker-Freundes. Ich gebe ihm das Geld, er geht von der Seite an den Zahlungsschalter heran, redet durch die unterbrochene Glasscheibe auf die „Schwester“ ein. Der „Fremde“ (den er dabei erwähnt, er meint mich), hat Probleme, ihm müsse geholfen werden, das verstehe ich so weit.

Er hält mein Geld suggestiv durch die Spalte im Glas, nach zwei, drei anderen Patienten hat er es geschafft, zwanzig Minuten oder so gewonnen.

Die Ultraschalluntersuchung verläuft wenig spektakulär, das Ergebnis ist „Blut-Schwellung“, wenn ich es richtig verstehe. Die Schriftzeichen dafür kenne ich. Also eine Blase, in der sich Blut angesammelt hat, also ein allerdings gewaltiges Hämatom. Es ist ziemlich hart, nicht so weich, wie die Schwellung vor ein paar Wochen am Ellbogen.

Als nächstes also Röntgen. Wir kommen in die nächste Etage, die ist schwarz vor Menschen. Hier werde ich nie drankommen. Unser Elektriker drängelt sich zum Schalter durch und schon ergibt sich ein anderes Bild: Er kennt den Mann dahinter offensichtlich gut, sie schwatzen, mein Geld für die Bezahlung der Röntgenuntersuchung verschwindet sofort hinter der Glasscheibe. Und ich soll nicht hier warten, erklärt er mir, sondern aus der Lobby herausgehen, nach links, dort vor der Tür warten. Die Tür ist verschlossen. Er verschwindet.

Nach ein paar Minuten öffnet sich die Tür von innen, unser Elektriker erscheint und lächelt. Wie hat er denn das gemacht?

Nun bin ich im Inneren der hochmodernen Röntgenabteilung, komme sozusagen von hinten ins Zentrum. Jeder Raum, die ich alle vom Innenflur aus sehen kann, ist vollgestopft mit neuesten Geräten. Wir gehen in einen Raum, von dem aus der Röntgenarzt alles leitet. Jemand liegt auf dem Untersuchungstisch, den können wir natürlich schlecht von dort wegschicken (obwohl unser Elektriker mir den Anschein macht, als würde ihm selbst das durch den Kopf gehen). Aber nachdem die laufende Untersuchung beendet ist, bin ich schon dran. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil draußen weit mehr als 100 Leute warten, die ich einfach von hinten überrollt habe, mit Hilfe des Elektrikers …

—-

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch “Hier bin ich Lao Wei” (Amazon) von Dr. Bernhard Wessling.

3. Auflage (mit schwarz-weiß-Fotos), leicht bearbeitet / erweitert und aktualisiert, erschienen in der “Edition BoD” (Herausgeber: Vito von Eichborn):


Was ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit uns über den Artikel! Einfach einen beliebigen Namen und eine beliebige E-Mailadresse angeben, den Captcha abtippen und den Kommentar veröffentlichen.

Written by Bernhard_Wessling

forschender und verkaufender Chemiker (http://www.organic-nanometal.de), Unternehmer, in der Freizeit Naturbeobachter (http://www.craneworld.de), Fotograf, Taucher, Fußballtorwart, 2facher Großvater - also immer gut beschäftigt.

Filed under: China, Gesellschaft · Tags: , ,

Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>