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Lasst tausend Gerüchte blühen

<Jan Sprenger>

Symbolfoto; Urheber: dierk schaefer@flickr.com (CC BY 2.0)

Nach dem Fall Bo Xilais scheint in China nun die Lasst-1000-Gerüchte-Blühen-Kampagne zu laufen. Die wichtigste Devise dabei lautet: Traue keinem Gerücht, dass du nicht selbst gestreut hast. Und vertraue auf gar keinen Fall dem, was die Regierung sagt. Denn erstens weißt du gar nicht, welche Motive die Regierung eigentlich hat, und zweitens weißt du ja auch gar nicht, wer im Moment überhaupt die Regierung ist.

Eines der neuesten Gerüchte beschreibt folgendes Szenario. Als Bo Xilais Polizeichef Wang Lijun Anfang Februar das amerikanische Generalkonsulat in Chengdu betrat, tat er dies nicht – wie uns die Regierung und offenbar auch die Amerikaner weiß machen wollen – um über geheime Machenschaften seines Chefs zu berichten, sondern nur, um mit den Amerikanern über deren eigene geheimen Machenschaften in Tibet zu sprechen und sie aufzufordern, dies fortan zu unterlassen. Diese Gelegenheit nutzte blitzschnell ein Mitglied des Pekinger Politbüros, um Bo Xilai eine Falle zu stellen. Einem Teil des Politbüros war Bo Xilai in den letzten Jahren zu mächtig und eigenständig geworden, und in Sorge davor, diesem bei der Neubesetzung des Politbüros einen ständigen Sitz und damit noch größeren Einfluss geben zu müssen, sah man nun eine einmalige Chance, die eigene Macht zu schützen. Ein Mitglied des Politbüros veranlasste also die Umstellung des amerikanischen Generalkonsulats um zu verhindern, dass Wang Lijun dies wieder verlassen konnte. Zugleich nahm er Kontakt zu den Amerikanern auf und bot ihnen einen Geschäft an. Die Amerikaner sollten weiterhin ihre Kontakte nach Tibet pflegen dürfen, wenn Wang Lijun im Gegenzug als Zeuge gegen Bo Xilai benutzt werden dürfe. Diesem Angebot stimmten die Amerikaner zu, Wang Lijun wurde heimlich nach Peking gebracht, um dort dann das Schicksal eines jeden Bauernopfers zu teilen und beseitigt zu werden. Nun begannen Teile des Politbüros und ihre Helfer, mögliche Anklagen gegen den eigentlich unbescholtenen Bo Xilai zu sammeln, unter anderem ein Gerücht, nachdem ein Zusammenhang zwischen dem Tod des englischen Geschäftsmannes Neil Heywood und Bos Ehefrau Gu Kailai bestehe. Diese Materialien wurden solange zurückgehalten, bis auf der jährlichen Parlamentssitzung Anfang März die richtige Gelegenheit zum Schlag gegen Bo Xilai gefunden war. Der Rest ist bekannt, und Bo Xilai und seine Frau sitzen nun unter Hausarrest irgendwo in der Nähe von Peking und haben keine Möglichkeit, sich zu erklären.

Unterstützung kommt allerdings aus Bo Xilais letzter Heimat. In einer Großdemo haben mehrere zehntausend Einwohner einer kleinere Gemeinde in der Nähe von Chongqing am 10.April gegen die Regierung und damit für Bo Xilai demonstriert. Die Demonstration wurde von der Polizei äußerst  gewaltsam aufgelöst. Bilder davon existieren bereits im Internet, auch wenn dort gesagt wird, dass es nicht um Bo Xilai, sondern um Landenteignung gegangen sei. Aber nur ein naiver Mensch kann glauben, dass diese Aussage stimmt, so wie ja auch nur ein naiver Mensch glaubt, dass dieses neueste Gerücht der Wahrheit entspricht.


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Written by Jan_Sprenger

Jan Sprenger lebt und arbeitet seit 2006 in China.

Filed under: China, Gesellschaft · Tags: , ,

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