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#2 Chinabildblog: Erlebt, erfragt, erlogen – Der Fall Mike Daisey und die Philosophie des SPIEGEL | Doppelpod - Deutschland und China

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#2 Chinabildblog: Erlebt, erfragt, erlogen – Der Fall Mike Daisey und die Philosophie des SPIEGEL

<Sven Hänke>
Im Mai letzten Jahres bekam der deutsche Journalist René Pfister den Henri-Nannen-Preis, einen der wichtigsten Preise im Journalismus für eine SPIEGEL-Reportage über den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer.

Die Reportage beginnt mit einer detaillierten Beschreibung der Spielzeug-Eisenbahn des Politikers im Keller seines Ferienhauses. Auch die Überschrift greift dieses Detail auf und stellt es in den Mittelpunkt. Der Leser wird im Text Reportage-typisch mitgenommen in eine fremde Welt. Diese fremde Welt ist das Privatrefugium des mächtigen Mannes und die Einzelheiten der Eisenbahn dienen als metaphorisches Vehikel, um die Person Seehofer und seinen Kontroll- und Spieltrieb erklärbar zu machen.

Als der Journalist jedoch bei der Preisverleihung danach gefragt wurde, wie er es denn geschafft habe, dass der Ministerpräsident ihn in seine Privaträume gelassen hat, sagte er frei heraus, dass er die Eisenbahn nie zu Gesicht bekommen habe. Er habe sich bei der Recherche unter anderem auf zuverlässige Quellen verlassen, um seinen Text zu konstruieren.

Daraufhin begann eine intensive und sonst leider viel zu selten stattfindende Debatte über die Grenzen der dramaturgischen Freiheiten von journalistischen Texten. Das Ergebnis der Debatte war, dass René Pfister der Preis aberkannt wurde. Zuvor jedoch äußerten zahlreiche Journalisten die Ansicht, dass szenische Rekonstruktionen ein zulässiger Bestandteil von Reportagen sind. Die Fakten, die der Journalist Pfister verwendet hatte, stammten schließlich aus zuverlässiger Quelle, hieß es. DER SPIEGEL begründet seine Unterstützung für Pfister folgendermaßen:

Die Informationen für den Einstieg beruhten auf Gesprächen mit Seehofer, dessen Mitarbeitern sowie SPIEGEL-Kollegen, die den Hobbykeller selbst in Augenschein genommen haben. (…) In der Vergangenheit sind bereits öfter Geschichten mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden, die szenische Rekonstruktionen enthielten. Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761579,00.html

Ich halte diese Ansicht für hochgradig falsch und gefährlich. Journalismus, insbesondere wenn er sich im Gewand der Reportage als Augenzeugenbericht ausgibt, muss Erfragtes und Gelesenes unbedingt kenntlich machen und von dem tatsächlich Erlebten abgrenzen. Weil viele Tatsachenbehauptungen durch den Schutz der Informanten und die oft sehr schwer zugänglichen Quellen nur mit großem Aufwand überprüft werden können, dürfen Journalisten sich niemals verleiten lassen, im Sinne der Story Wissen, welches sie nur aus zweiter Hand haben, in die Wirklichkeit der tatsächlichen Begebenheiten “einzuflechten”. Denn gerade durch emotionale Dramatisierungen wird die komplexe Wirklichkeit schnell zu einer simplen Aussage, die den Aktivisten, Politikern, Werbefachleuten und Roman-Schreibern vorbehalten ist, im Journalismus aber Tabu sein sollte – insbesondere dann, wenn die verwendeten Details nicht den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen.

Ein Fall, der in seiner Dimension des journalistischen Fehlverhaltens den Kellereisenbahn-Fall weit in den Schatten stellt, wurde nun in China aufgedeckt. Der Autor, Schauspieler und Monologist Mike Daisey hat unter Vorspiegelung falscher Tatsachen im Rahmen des angesehenen US-Radioformats “This American Life” einen Bericht über die Arbeitsbedingungen beim Apple-Zulieferer Foxconn veröffentlicht, der in weiten Teilen auf einer sehr eigenwilligen Interpretation von Wirklichkeit beruht – oder um die Worte der Redakteure zu benutzen, die den Skandal aufgedeckt haben – teilweise schlichtweg erfunden und erlogen ist. Der Radio-Bericht, der schnell zu einer der erfolgreichsten Reportagen von “This American Life” wurde, ist inzwischen vom Netz genommen. In einem Radio-Feature der Macher von “This American Life”, in dem auch Mike Daisey mit den Vorwürfen konfrontiert wird, offenbart dieser seine seltsame Ansicht zum Verhältnis von Fiktion und Fakten. Das Interview, das zu den besten journalistischen Erzeugnissen gehört, die mir in den letzten Jahren begegnet sind, erinnert durch die Uneinsichtigkeit und die widersprüchlichen Rechtfertigungen Daiseys an das legendäre Interview Nixon/Frost. Hier ein kurzer Ausschnitt:

Rob Schmitz: Cathy says you did not talk to workers who were poisoned with hexane.
Mike Daisey: That’s correct.
RS: So you lied about that? That wasn’t what you saw?
MD: I wouldn’t express it that way.
RS: How would you express it?
MD: I would say that I wanted to tell a story that captured the totality of my trip.
Ira Glass: Did you meet workers like that? Or did you just read about the issue?
MD: I met workers in, um, Hong Kong, going to Apple protests who had not been poisoned by hexane but had known people who had been, and it was a constant conversation among those workers.
IG: So you didn’t meet an actual worker who’d been poisoned by hexane.
MD: That’s correct.
Quelle: http://www.thisamericanlife.org/play_full.php?play=460&podcast=1

Auch SpiegelOnline hat schon über den Skandal berichtet. DER SPIEGEL schreibt, dass namhafte Zeitungen inzwischen die von Daisey übernommenen, frei erfundenen Tatsachenbehauptungen korrigiert haben. Der SpOn-Artikel “Gruselstunde für Apple”, der sich auf Daiseys Theaterarbeit bezieht, ist allerdings nach wie vor unkommentiert im Netz. Aktuelle Erkenntnisse über Daiseys sehr fragwürdige Methoden der Vermengung von Fakten und Fiktion, die auch dem besprochenen Theaterstück zu Grunde liegen, bleiben dort weiterhin unerwähnt.

Es ist ein wenig ketzerisch, aber vor dem Hintergrund der oben genannten Journalismus-Auffassung der SPIEGEL-Redaktion bin ich geneigt zu fragen: “Warum auch nicht?” Es war doch alles im Sinne einer unbestreitbar zutreffenden “Story”. Denn ebenso wie keiner bezweifelt, dass im Keller von Host Seehofer tatsächlich eine Eisenbahn fährt, auf der ein kleines Portrait von Angela Merkel seine Runden dreht, wird doch niemand ernsthaft bestreiten wollen, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn sehr nah an der Grenze zur Sklaverei sind. Ist es nicht die Aufgabe eines guten Journalisten, den Leser an die Hand zu nehmen und zur Erkenntnis zu führen? Da wird es doch nicht verboten sein, einer Reportage ein paar packende Fakten, die ohnehin jeder als gegeben voraussetzt, mit auf den Weg ins Bewusstsein des Lesers zu geben. Wir erinnern uns an die offizielle SPIEGEL-Reportage-Philosophie:

Jede Reportage besteht nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus Erfragtem und Gelesenem.

Der Satz könnte von Mike Daisey sein.

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Geschrieben von admin

Veröffentlicht unter: Deutschland und China

4 Antworten zu "#2 Chinabildblog: Erlebt, erfragt, erlogen – Der Fall Mike Daisey und die Philosophie des SPIEGEL"

  1. Was Mike Daisey da veranstaltet hat, ist weit außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Ich hatte nie wirklich geglaubt, daß die aktuellen Geschichten über Foxconn so wie berichtet stimmen, aber daß das alles erfunden war und (ergänzend) aus ungeprüftem Hörensagen entstammte, konnte ich mir nicht vorstellen.

    Hier ist ein Artikel den ich vorhin fand, der diesen Skandal (der ja voll auf der Linie der veröffentlichten Meinung über die Produktionsbedingungen in China liegt) ebenfalls klar beschreibt:

    http://www.washingtonpost.com/blogs/erik-wemple/post/mike-daisey-tells-georgetown-of-his-apple-story-the-essential-idea-is-true/2012/03/19/gIQAjccJOS_blog.html

    Er hat also das Recht, alles zu erfinden, weil er “weiß”, daß das alles so stimmt. Was für eine Qualität der Berichterstattung und Meinungsbildung!

    Vielleicht entgeht mir die hinter Ihrem Textende stehende Ironie, aber wenn ich lese “wird doch niemand ernsthaft bestreiten wollen, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn sehr nah an der Grenze zur Sklaverei sind.” frage ich mich, wieso das niemand bestreiten wollen würde.

    Welche echten nachgeprüften Fakten gibt es denn eigentlich, die das unbestreitbar darlegen?

    Wieso beschweren sich Konkurrenzfirmen und Firmen im regionalen Umfeld von Foxconn über Foxconn, daß F aufgrund der allzu hohen Gehälter / Löhne dauernd Mitarbeiter abwirbt? Wieso gehen die Chinesen freiwillig zu Hunderttausenden zu Foxconn in die “Sklaverei”?

  2. Dietmar Mehrens sagt:

    Wohin derlei im Extremfall führen kann, zeigt der Spielfilm
    “Lüge und Wahrheit – Shattered Glass” mit “Krieg der Sterne”-Ikone Hayden Christensen. Der leider total übersehene Film erzählt von den erfundenen und weithin gefeierten Reportagen von Stephen Glass, einem Journalisten des linksintellektuellen Washingtoner Blattes “New Republic”. Dass seine Geschichten zu einem großen Teil frei erfunden waren, fand – du ahnst es nicht – ein Online-Reporter heraus. Glass ist heute bei einer Anwaltskanzlei tätig.

    1. Sven Haenke sagt:

      @Dietmar: Danke für den Tipp!

  3. Sven Haenke sagt:

    @Doc Wessling: “Welche echten nachgeprüften Fakten gibt es denn eigentlich, die das unbestreitbar darlegen?”

    Es gibt haufenweise ernstzunehmende Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Foxconn. Auch in dem Podcast von “This American Life”, in dem die “scripted reality” von Daisey offengelegt wird, wird ausführlich darauf hingewiesen, dass viele gut recherchierte Berichte über skandalöse Zustände bei chinesischen Elektonik-Zulieferen vorliegen.

    Genau das ist auch ein Grund, warum Journalisten wissen sollten, dass man ihnen auch in China auf die Finger guckt und sie sehr gewissenhaft und faktenorientiert arbeiten müssen. Denn gerade in China, wo die ausländischen Medien eine wesentliche Rolle bei der gesellschaftlichen Veränderung spielen könnten, ist es wichtig, dass sie nicht durch unsachgemäße Berichterstattung ihre Glaubwürdigkeit in noch größerem Maße verlieren, als dies ja leider schon geschehen ist.

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