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Frau Merkel und ich

<Sven Hänke>
Als ich heute Nachmittag im Internet die Fotos von Frau Merkel gesehen habe, auf denen sie begleitet vom deutschen Botschafter und einem Tross von Journalisten und Bodyguards durch die Nanluoguxiang ging, da dachte ich „Wow. Die Bundeskanzlerin. In der Nanluoguxiang“. Schließlich wohne ich in einer Seitenstraße dieser belebten Hutong-Gasse und fahre fast jeden Tag dort mit dem Fahrrad vorbei. Dass Bild.de in einer Bildunterschrift die Nanluoguxiang, die eindeutig eine Gasse ist, als “Stadtviertel” bezeichnet, zeigt ein Mal mehr, wie wenig man sich in der dortigen Redaktion für Details und Fakten interessiert; aber das soll heute nicht mein Thema sein.

Die Bundeskanzlerin schaut ja nicht alle Tage in der eigenen Nachbarschaft vorbei. Besonders dann nicht, wenn diese von Berlin aus nicht gerade um die Ecke liegt. Daher habe ich mich dazu hinreißen lassen, Online-Fotos von Frau Merkel beim winterlichen Spaziergang weiterzuleiten und auf Weibo folgenden Tweet zu posten:

„Wahnsinn, jetzt kommt Frau Merkel bei mir zu Besuch und sagt vorher gar nicht Bescheid. 哇,默克尔来到我家(我住在南锣鼓巷附近)提前没有告诉我。太不客气了!“

Viele meiner Follower haben das offensichtlich recht wörtlich genommen und fragen mich fortwährend, wie es denn zu diesem historischen Treffen gekommen ist. In einem dieser Tweets wird der vermeintliche Hausbesuch sogar sehr bildlich beschrieben:

她有没有跟你和你夫人坐在家里的床上握住你的手向你送去祖国的问候,并亲切的关心你在北京生活是否有困难,有没有告诉你有困难可以找CDU党?

Sie hat wohl bei Dir und Deiner Frau zu Hause auf dem Bett gesessen, Deine Hand gehalten und Dir versprochen, die Heimat von Dir zu grüßen? Und dann hat sie sich nach den Schwierigkeiten erkundigt, die das Leben in Beijing mit sich bringt? Und am Ende hat sie bestimmt gesagt, dass Du Dich in allen Lebenslagen mit Problemen an die CDU wenden kannst.

Nun entspricht das leider ganz und gar nicht der Wahrheit. Als Frau Merkel durch die Gasse spazierte, in der ich quasi zu Hause bin, war ich gerade im Büro bei der Arbeit. Ich hatte etwas Dringendes zu erledigen. Nein, ich habe sie nicht getroffen, die Frau Bundeskanzlerin. Aber wenn ich da gewesen wäre, dann hätten wir uns sicher viel zu erzählen gehabt, die Bundeskanzlerin und ich.

Wenn ich nicht im Büro gewesen wäre, wäre ich mit dem Fahrrad durch die Straße gefahren und hätte Herrn Dr. Schäfer, den deutschen Botschafter in einem Pulk von Menschen erkannt. Mit ihm habe ich mich einmal anlässlich der Gründung eines deutsch-chinesischen Studentenvereins unterhalten. Und vielleicht hätte er sich an mich erinnert. „Herr Hänke, das ist aber nett, Sie hier zu treffen“, hätte er vielleicht gesagt. Ich wäre von meinem Fahrrad abgestiegen und hätte ihn freundlich begrüßt. „Herr Botschafter, welche Ehre! Dass Sie hier in der Nanluoguxiang mal vorbeischauen, das freut mich aber.“ „Aber Herr Hänke, wissen Sie, dies ist doch eine der schönsten Gegenden in ganz Peking. Die ganzen kleinen Läden und diese Obamao-T-Shirts, die bringe ich immer meinen Freunden in Deutschland mit, damit sie wissen, dass die Chinesen auch ganz lustig sein können. Wissen Sie, diese T-Shirts, auf denen Präsident Obama diese Mao-Mütze trägt.“ „Ja, die kenne ich“, hätte ich gesagt. „Aber Herr Botschafter, ich möchte Sie nicht weiter aufhalten. Wie ich sehe, sind Sie ja in offizieller Funktion hier. Die ganzen Leibwächter. Und ist das nicht… Nein… Das ist doch die Frau….“

In diesem Moment wäre die Bundeskanzlerin auf mich aufmerksam geworden und auf mich zugekommen – festen Schrittes, sehr interessiert und fragend. Wie es eben ihre Art ist. Sie hätte mich kurz gemustert und dann hätte sie gesagt: „Ah, und Sie leben also hier?“ Ich hätte irgend etwas gestammelt oder einfach mit dem Kopf genickt. „Darf ich fragen, wie sie heißen?“ Die Bundeskanzerin kann manchmal sehr streng wirken. Das ist mir schon im Fernsehen aufgefallen. „Sven Hänke.“ „Also bitte Herr Hänke, wie ist es denn hier so?“

Diese Frage! Und dann von Frau Merkel. Diese Frage hat noch jeder bereut, der sie mir gestellt hat. Bei dem Thema „China“ habe ich irgendwie eine Fehlfunktion, da rastet irgendetwas ein, oder aus, je nachdem wie man es nennen möchte. Jedenfalls beginne ich dann, den Leuten das eine oder andere Ohr abzukauen, ohne ihnen die Chance zu geben, es zu verhindern. Und so auch dieses Mal. Ich komme also vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurück und erzähle Frau Merkel alles, was ich weiß.

Die Bundeskanzlerin – und das ist das Sonderbare – sie scheint mir die ganze Zeit aufmerksam zuzuhören. Ich erzähle ihr, wie sich meine Vorstellung von China ständig verändert und wie ich bei meinen politischen Ansichten jetzt auch ganz andere Faktoren berücksichtige als früher. Die Bundeskanzlerin hört sich das alles an. Erst als sie bemerkt, dass der Botschafter und die Bodyguards, die vielen Fernsehmenschen und Übersetzer in ihren Sonntagskleidern frösteln – es ist minus acht Grad – und nervös auf der Stelle treten, ist ihr die Situation etwas unangenehm.

„Junger Mann”, sagt sie. „Ja, Frau Bundeskanzlerin“, sage ich und freue mich heimlich ein wenig, dass sie mich junger Mann genannt hat, obwohl ich ja nun schon älter bin als einige der von ihr berufenen Minister. „Junger Mann, wissen Sie, wo hier in der Nähe ein gutes Café ist? Ich sehe, den Leuten ist kalt und auch ich könnte etwas Warmes vertragen.“ Ich freue mich wieder, weil die Kanzlerin ebenso wie einst Gerhard Schröder, der sich auf Volksfesten bekanntlich erst mal eine Flasche Bier bringen ließ, den volkstümlichen Modus ganz gut beherrscht.

Wir gehen dann zusammen in das Café Zarah in der Guloudong Dajie. Das ist nicht weit. Nur eine Ecke weiter und der Kaffee ist ganz gut. Vor allem ist die Einrichtung nett. „Das Café hat eine junge Deutsche eröffnet“, sage ich, nachdem wir alle einen Platz gefunden haben. Die Fernsehleute stellen ihre Kameras neben dem Zeitungsständer auf dem Fußboden ab, die Übersetzter ziehen ihre Handschuhe aus und legen sie auf den Tresen. Als die Kanzlerin ihren Kaffee bekommen hat und sich daran die Hände wärmt, sagt sie: „Fahren Sie fort. Was halten Sie zum Beispiel von meiner China-Politik?“

Da weiß ich plötzlich gar nicht, was ich sagen soll. Mein Job wird ja schließlich zum Teil indirekt vom deutschen Außenministerium gefördert und da kann man doch nicht einfach so seine unqualifizierte Meinung zur großen Weltpolitik der deutschen Bundeskanzlerin entgegenschleudern. Ich druckse herum und versuche auszuweichen. Aber die Kanzlerin lässt nicht locker. Ich soll ruhig offen meine Meinung sagen.

Aber obwohl ich mich schon so oft über ihre Politik geärgert habe, fällt mir plötzlich gar nichts mehr ein. Ich hätte ihr zum Beispiel sagen können, dass ich das Schlagwort von der „werteorientierten Außenpolitik“ für ziemlich schlecht formuliert halte, weil es sich so anhört, als wären Werte in anderen Teilen der Welt entweder gar nicht vorhanden, oder aber so selten wie ein vom aussterben bedrohtes Fabelwesen. Ich hätte ihr auch sagen können, dass ich damals Steinmeiers Vorwurf der „Schaufensterpolitik“ sehr gut nachvollziehen konnte und bis heute in vielen China-bezogenen Stellungnahmen oft eher einen innenpolitischen Bezug erkenne, als den Willen, wirklich etwas zu bewegen. Vieles hätte ich sagen können.

Nichts davon habe ich gesagt. Und als dann jemand eines dieser lustigen Obamao-T-Shirts auf den Tisch legte, war das eine willkommen Gelegenheit, vom Thema abzulenken. „Sehen Sie, Frau Bundeskanzlerin. Ein Obamao-T-Shirt. Die Chinesen haben doch viel mehr Humor, als man gemeinhin annimmt. Viele sind gar nicht so verkrampft. Das liegt oft einfach auch an den offiziellen Anlässen. Und davon gibt es ja so viele…“ Die deutsche Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel hätte ihre Hände an der Kaffetasse gewärmt und ihre Gedanken in weite Fernen schweifen lassen. So wäre es gewesen, wenn ich nicht an diesem Tag etwas Dringendes im Büro zu erledigen gehabt hätte.

 

Bildnachweis (oben):
marcomassarotto/Flickr.com
(CC BY-NC-SA 2.0)
Bildnachweis (unten): Wu Fei


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Written by Sven Haenke

Sven Hänke war fünf Jahre DAAD-Lektor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Beijing. Derzeit forscht er an der Humboldt Universität zu Berlin zum Thema Zeit-Metaphorik im Deutschen und Chinesischen. Seine Texte hier auf Doppelpod sind unter Creative-Commons 3.0 lizensiert. Sie sind geistiges Gemeingut – virtuelles Weltkulturerbe sozusagen. Sie können sie ausdrucken, weiterleiten, tweeten, verschenken, auf File-Sharing-Plattformen mit ihren Freunden teilen, in Foren posten, auf Ostereier drucken, ein Libretto daraus machen, ins Molwanische übersetzen, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Nur Geld verdienen dürfen Sie damit nicht.

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4 Responses to "Frau Merkel und ich"

  1. Mr. Brainwash says:

    Guter Text!

  2. Jingjing says:

    super! Du sollst den Text veroeffentlichen!

    1. Anonymous says:

      Genau, veröffentliche das mal!

      ähhhh?????

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