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Tuut nicht so! Die Hupe im deutsch-chinesischen Vergleich

<von Jan Sprenger>

Die Hupe ist die Fortsetzung der Stimme mit anderen Mitteln. Von Metall und Glas an der Artikulation komplizierter Sätze gehindert, drückt die Hupe die Quintessenz unseres Willens aus, und so wird beispielsweise aus dem elaborierten Satzgefüge „Du verfluchter Penner, bleib verdammt nochmal auf deiner Spur, hey!“ ein schlicht und schönes „Tuut“. Die Hupe erreicht dabei mit wenigen Worten das, was unsere Stimme mit weitaus mehr Aufwand betreibt, nämlich jemanden außerhalb unseres Selbst von unserer Existenz in Kenntnis zu setzen und auf diese Existenz angebracht zu reagieren – im besten Falle durch Ausweichen.

So simpel das Signal und so allgemeingültig die Aussage desselben auch sein mag, so gibt es doch im Verständnis der Hupe kleine interkulturelle Unterschiede. Mit einiger Sicherheit lässt sich lediglich sagen, dass in China die Hupe auch nicht anders benutzt wird als in Deutschland. In beiden Kulturen, wie wohl auch in jeder anderen Kultur, drückt man sie.

Der Unterschied nun zwischen Deutschland und China liegt vor allem darin, dass in Deutschland die Hupe auch dazu dient, dem anderen Verkehrsteilnehmer nicht nur den eigenen, sondern auch den allgemeinen Rechtsanspruch zu verdeutlichen. Und dieser Rechtsanspruch betrifft nun nicht nur die Umrissen des eigenes Autos, sondern auch einen eher abstrakten, durch Verkehrsregeln gesetzten Rechtsraum. Wenn also ein Satz fällt wie „Du verfluchter Penner, bleib verdammt nochmal auf deiner Spur!“, so tutet es in Deutschland nicht erst dann, wenn der andere Verkehrsteilnehmer schon unmittelbar am eigenen Blech klebt, sondern auch dann, wenn er noch etliche Meter voraus ist und eigentlich keine Gefahr eines Zusammenstoßes bestünde. Das Hupen befindet sich im Allgemeinen jedoch im Geltungsbereich der Verkehrsregeln. Das Hupen gilt mithin nicht nur als Hinweis auf die eigene Existenz, sondern auch als Hinweis auf die Existenz der Verkehrsregeln.

In China nun hat das Hupen sehr häufig den bloßen Zweck, die eigene Existenz zu verlautbaren. Die Existenz von Verkehrsregeln soll hier nicht abgesprochen werden. Für jeden nicht in einem Panzer oder zumindest Porsche Cayenne sitzenden Verkehrsteilnehmer wäre es trotzdem wünschenswert, das Land würde die Einhaltung dieser Gesetze ebenso strikt verfolgen wie Rufe nach einem freien Tibet. Denn im Grunde täglich lässt sich beobachten, wie Autos laut hupend in die falsche Richtung fahren. Wobei hier falsch nur im Sinne des allgemeinen Rechtsanspruches meint, nicht aber im Sinne des persönlichen Willens, der sich nach der Größe des Fahrgerätes bemisst. Im chinesischen Verkehrsalltag jagen Motorräder trötend über Bürgersteige, Fahrrad klingeln Fußgänger weg und die Einführung des Zebrastreifens war in China mindestens so erfolgreich wie die Einführung des Fußballs. Das für Westeuropäer bemerkenswerte nun ist, dass niemand sich über die Verstöße gegen die Verkehrsregeln aufregt, am allerwenigsten die Leidtragenden. Die nämlich springen gleichmütig beiseite, wenn ihnen ein Moped hupend auf der Fußgängerbrücke entgegenkommt, und ganz selbstverständlich stoppen sie bei Grün, wenn bei Rot ein SUV die Straße überquert, auch dieser hupend, denn überfahren immerhin möchte er doch niemanden. So lässt sich die Hupe in China vor allem dadurch kennzeichnen, dass sie Ausdruck des eigenen Willens ist, und dieser ist – trotz eines Verstoßes gegen die Verkehrsregeln – doch immerhin ein guter.

Bildnachweis:

Montage aus Bildern von James D. Schwartz und Thomas Kohler

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Written by Jan_Sprenger

Jan Sprenger lebt und arbeitet seit 2006 in China.

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4 Responses to "Tuut nicht so! Die Hupe im deutsch-chinesischen Vergleich"

  1. Sven Haenke says:

    Hab ich grad zu diesem Thema bei Weibo gesehen:

    德国的汽车走汽车道,停车有停车位,没有电动车,自行车走自行车道,行人走行人道;中国的汽车走汽车道,停车在自行车道,电动车啥道都走,自行车走行人道,行人穿梭在各个道之间…

    In Deutschland fahren die Autos auf der Straße und sie parken auf den Parkplätzen. Es gibt keine E-Bikes, die Fahrräder fahren auf dem Fahrradweg und Fußgänger gehen auf dem Fußweg.

    In China fahren die Autos auf der Straße und parken auf dem Fahrradweg. Die E-Bikes fahren überall. Fahrräder fahren auf dem Fußweg und die Fußgänger schlängeln sich durch die verbleibenden Lücken.

    Wahaha.

  2. Sven Haenke says:

    Off topic:

    Guckt mal was ich eben auf einer chinesischen Seite zum deutschlernen gefunden habe. Der Titel dieses großartigen Dialoges in der Rubrik “Umgangssprache” lautet “Alltagsgespräche deutscher Jugendlicher”

    http://de.tingroom.com/kouyu/dykyxx/7643.html

    Irre!!!!

  3. justrecently says:

    Nun ja… <a href="http://www.ruhrpottboard.de/forum/showpost.php?s=2bd4eb4b9d815f3880f9e80a77a0843a&p=30991&postcount=1"geliehen. Es gibt Deutschlerner, die verstehen, was sie gerade deklamieren, und andere, die es einfach nur nachsprechen.

    Hoffentlich geht das nicht irgendwo in China in…. den Vorhang.

  4. Anonymous says:

    Was sind die Unterschiede?
    Ich erlaube es den anderen nicht, aber ich muss mich es auch verkneifen.
    Ich lasse den anderen eine Lücke und spare mir auch eine Chance.

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