Articles Comments

Doppelpod – Deutschland und China » China, Deutschland, Randnotizen » Randnotizen: Der gelbe Spion, der mich liebte und die wirklich nackte Hochzeit

Randnotizen: Der gelbe Spion, der mich liebte und die wirklich nackte Hochzeit

Vor kurzem ging eine erfreuliche Meldung durch die deutsche Presse. Laut Medienberichten ist die Hochzeit mit einer Chinesin in Deutschland kein plausibler Kündigungsgrund mehr.

Ja, Sie lesen richtig: Nicht mehr. In erster Instanz hatte das Arbeitsgericht Elmshorn die Klage des entlassenen Ingenieurs zurückgewiesen.

OK. Industriespionage ist ein ernstes Thema. Aber dass man in Deutschland juristisch in die zweite Instanz gehen muss, um sich dagegen zu wehren, wenn man seinen Job verliert, weil der Ehepartner aufgrund seiner chinesischen Herkunft pauschal als potentieller Spion eingestuft wird… Das hätte selbst ich nicht gedacht. Naja. Man lernt wohl nie aus.

Wenn man sich nun fragt, wie es so weit kommen konnte, dann sei nur mal an die im Jahr 2007 veröffentlichte Spiegel-Titelgeschichte „Die gelben Spione“ erinnert, in der es von wilden Spekulationen und Räuberpistolen nur so wimmelt. Wie heißt es so schön in diesem Meisterstück der populistischen Sinophobie über die in Deutschland lebenden Chinesen.

“Jeder Student, jeder Geschäftsmann, der ins Ausland gelassen wird, steht in der Schuld der Partei”

Auch Christian Y. Schmidt hat seine letzte taz-Kolumne diesem Thema gewidmet. Er macht sich darin als Ehemann einer Chinesin über vermeintliche Spionagetätigkeiten lustig. Sehr verdächtig:)

++++++++

Auch die Bildzeitung befasst sich hier mit dem Thema Hochzeit. Allerdings geht es dieses mal nicht um Spione, sondern um das Phänomen, dass Chinesen das populäre Wort Nackt-Heirat (裸婚) in letzter Zeit auch gerne mal wörtlich interpretieren. Ursprünglich bedeutet Nakt-Heirat ja, dass man heiratet, ohne eine eigene Wohnung, ein eigenes Auto und in einige Fällen sogar einen eigenen Ehe-Ring zu besitzen.

++++++++

In eigener Sache: Aufmerksame Leser von Doppelpod werden es bemerkt haben. Es ist uns gelungen, Martina Bölck dazu zu überreden, Auszüge ihres Buches „Wie überall und nirgendwo sonst“ hier zu veröffentlichen. Von nun an werden hier also in regelmäßigen “Chabuduo-Abständen” Texte (samt chinesischer Übersetzung) aus diesem tollen Buch zu folgenden Themen  zu lesen sein:

  • Expats in Peking
  • Guanxi
  • Beziehungswesen
  • Sind chinesische Frauen emanzipierter als deutsche?
  • Das dritte Geschlecht
  • Schönheitsideale
  • Vermittlung
  • Zensur als Balanceakt

Artikel-Foto: Paul / FreeDigitalPhotos.net

Written by Sven Haenke

Sven Hänke war fünf Jahre DAAD-Lektor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Beijing. Derzeit forscht er an der Humboldt Universität zu Berlin zum Thema Zeit-Metaphorik im Deutschen und Chinesischen. Seine Texte hier auf Doppelpod sind unter Creative-Commons 3.0 lizensiert. Sie sind geistiges Gemeingut – virtuelles Weltkulturerbe sozusagen. Sie können sie ausdrucken, weiterleiten, tweeten, verschenken, auf File-Sharing-Plattformen mit ihren Freunden teilen, in Foren posten, auf Ostereier drucken, ein Libretto daraus machen, ins Molwanische übersetzen, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Nur Geld verdienen dürfen Sie damit nicht.

Filed under: China, Deutschland, Randnotizen · Tags: , , , ,

4 Responses to "Randnotizen: Der gelbe Spion, der mich liebte und die wirklich nackte Hochzeit"

  1. Peter Unlustig says:

    Da sind sie ja wieder, die gelben Spione. Wurde aber auch Zeit, dass jemand diesen Unfug mal wieder aus der Mottenkiste holt!

  2. justrecently says:

    Politische Correctness kann sehr billig sein. Selbstverständlich geht es nicht an, Chinesen oder chinesisch-deutsche Ehepaare unter Generalverdacht zu stellen. Dass es aber Situationen gibt, in denen sich Chinesen dem Druck zur Spionage nur mit sehr viel Mut und taktischem Geschick entziehen können (ein Problem, das sich für einen Europäern allenfalls dann stellen kann, wenn er erpressbar ist), sollte klar sein.

    Das mag sich im akademischen Bereich nicht so bemerkbar machen wie in der Wirtschaft – aber wer diesen Sachverhalt schlichtweg ignoriert, nur weil er so unappetitlich ist, tut das auf eigene Gefahr.

  3. Sven Haenke says:

    @JR:

    Selbstverständlich geht es nicht an, Chinesen oder chinesisch-deutsche Ehepaare unter Generalverdacht zu stellen.

    Das wollte ich sagen. Das war meine Kernaussage, die mit PC nun einmal ueberhaupt nichts zu tun hat.

    Es gibt m.E. zudem einen wichtigen Unterschied zwischen “Politischer Korrektheit”, die die von der Mehrheitsmeinung abweichenden Aeusserungen tabuisiert, oder verbietet auf der einen und unsachlicher Auseinandersetzung bzw. Diffamierung auf der anderen Seite.

    Gerade beim Thema Spionage und bei angeblichen geheimen Taetigkeiten besteht immer die Gefahr, dass das was man nicht sieht, als Argument gegen eine Person oder Gruppe genutzt werden kann.

    Ja, sicherlich gibt es das Problem der Industriespionage, die als Bedrohung angesehen werden muss. Hier ein aktuelles Beispiel:

    http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:prozess-industriespionage-wirbelt-windindustrie-durcheinander/60107175.html

    Aber die Frage ist doch, wie Demokratien mit Bedrohungen umgehen sollten. Alexander Kluge hat es gerade ziemlich gut auf den Punkt gebracht:

    Auch Demokratien hätten die Möglichkeit, sich im Sturm zu behaupten: indem sie sich auf ihre tradierten Institutionen und Gesetzeswerke zurückbesinnen. Weshalb von Sondergerichtshöfen, Guantánamo, Notstandsverordnungen, angeblichen Ausnahmetatbeständen und derlei mehr unbedingt abzuraten sei. Pacta sunt servanda – die Verträge sind einzuhalten.

    http://www.zeit.de/2011/39/Alexander-Kluge/

  4. justrecently says:

    Man muss, wenn man den 79-jährigen Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge trifft, sich darauf einlassen, dass es immer ums Ganze geht, um Weltgeschichte, um verborgene Zeitschichten, die in unsere Gegenwart hineinragen. (Die Zeit / Alexander Kluge)

    Mir geht es in erster Linie um die Berechenbarkeit – so lange ein Vertrag gilt, ist er einzuhalten, und wird er von einer Seite nicht oder nur bedingt anerkannt, ist das zu thematisieren. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass Chinas Entwicklungskonzept nicht zuletzt ein Konzept zur (Wieder)gewninnung “nationaler Größe” ist, und keineswegs nur der Verbesserung der Lebensverhältnisse gilt. Das “nationale” Konzept ist aber nichts, zu dem ich berechtigterweise etwas beizutragen hätte, und es interessiert mich auch nicht. Wichtig ist mir, dass es nicht überwiegend auf meine Kosten, oder zu Lasten meines Landes geht – mir persönlich geht die “Weltgeschichte” (Kluge / Zeit) im Zumsammenhang mit dem Business an der Kimme vorbei. Da aber nicht nur Kluge, sondern auch viele Chinesen “weltgeschichtlich” denken, sollte man sich in jeder Lage klar darüber werden, mit welcher Weltsicht man es bei seinem Vertragspartner in spe gerade zu tun hat.

    Nicht umsonst legen Chinesen Wert darauf, ihr Gegenüber (ob aus- oder inländisch) gut zu kennen, bevor sie ihm vertrauen. Je weniger die Herrschaft des Rechts gilt, und je mehr weitere “Konzepte” unausgesprochen im öffentlichen Raum stehen, desto wichtiger sind persönliche, vertrauensvolle Beziehungen. Ohne diese sollte man nichts anfangen (vielleicht ist das ja auch ein Aspekt, der für den “Guanxi”-Post relevant sein kann).

Leave a Reply

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>