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Das wahrscheinliche größte Oktoberfest der Welt – in Beijing?

<von Sven Hänke>

Foto: Sven Hänke, IPhone: Shuangyan Emmrich

Ich gebe es offen zu. Ich bin kein Bayern-Fan. Ich bin Norddeutscher und wenn ich im Ausland auf bayuwarisches Kulturgut treffe, dann frage ich mich oft, warum es unter allen Volksstämmen in Deutschland denn unbedingt die Bayern und ihre seltsamen Sitten und Gebräuche geworden sind, die rund um den Globus als typisch deutsch gelten. Wie haben es die Bayern nur geschafft, der ganzen Welt beizubringen, dass man in Deutschland Dirndl und Lederhosen trägt und dazu wahlweise die Brunftgesänge eines läufigen Erdferkels ausstößt (Jodeln) oder wie von Sinnen durch die Gegend springt und sich dabei auf Schuhe und Schenkel schlägt (Schuhplattler)? Daher vorweg eine wichtige Botschaft an alle Chinesen: Die Angehörigen des bayerischen Volksstammes sind in Deutschland so etwas wie eine nationale Minderheit, die Dinge veranstaltet, die das übrige Deutschland für äußerst skurril hält.

Da sind wir dann auch endlich beim eigentlichen Thema. Denn auch wenn es keinen Grund dafür gibt, den Bayern zu erlauben, durch ihre weiß-blaue „Corporate Identity Kampagne“ das Deutschlandbild im Ausland zu monopolisieren, so haben sie doch einiges an Erfolgen vorzuweisen. Neben mehreren gut gehenden Autowerken und einem Fußballverein, der sich bei jeder Gelegenheit „Rekordmeister“ nennt, vor allem eines: Das Oktoberfest, das größte Volksfest der Welt.

Das urbayrische Trinkgelage ist unbestreitbar eine der größten Touristenattraktionen Deutschlands, und etwa sechs Millionen Besucher feiern jedes Jahr im frühen Herbst „auf der Wiesn“ bei Bier, Brezn und Schweinshaxn (eine weitere seltsame Angewohnheit der Bayern: das Verschlucken der auslautenden Vokale). Und ebenso wie die schrillen Klänge der Peking-Oper und der Skorpion am Spieß für China-Touristen heute dazu gehören, so ist auch die Besichtigung der überdimensionierten Biergläser, der gegrillten Schweinshaxen und der Oberarme der weiblichen Bedienungen fast schon ein Muss beim Besuch im Land der teutonischen Rumpelriesen.

Das Oktoberfest in München hat auf der ganzen Welt inzwischen Nachahmer gefunden. Eine kurze Wikipedia-Recherche ergab, dass die größten Oktoberfest-Zweigstellen in der kanadischen Stadt Kitchener und in brasilianischen Blumenau eröffnet wurden. Das Bier fließt dort in 600.000 bis 700.000 durstige Kehlen.

Und auch in China gibt es seit längerem „Beer Festivals“ nach deutschem Vorbild. Die ehemalige deutsche Kolonialstadt Qingdao (青岛, qing1dao3; neue Schreibweise für Tsingtao) veranstaltet jedes Jahr mit großem Erfolg eine chinesische Variante des Oktoberfestes. Von dort stammt auch das nach deutschem Reinheitsgebot gebraute Tsingtao-Bier. Die Qingdaoer sind außerdem dafür bekannt ist, dass sie Bier auch gern in Plastiktüten verkaufen und damit durch die Straßen laufen, was einen unbedarften Betrachter zuerst an Urinproben denken lässt.

Investoren haben sich nun jedoch zum Ziel gesetzt, dass China und seine Hauptstadt auch in Sachen Oktoberfest nicht länger in der Regionalliga spielt, und gleich von Null auf Hundert in die Weltspitze einsteigt. Die längsten Brücken und die schnellsten Computer der Welt sind chinesisch. Und wenn China heute das Land mit dem höchsten Bierkonsum auf der Welt ist, da ist es doch nur selbstverständlich, auf diesem Wachstumsmarkt nicht länger zu kleckern, sondern gleich zu klotzen – und zwar richtig. 84.000 Sitzplätze hat die Anlage, die vor den Toren Beijings in der Nähe des Flughafens hochgezogen wurde, in der die Gäste über einen Monat lang bewirtet werden sollen. Die Chinesen wollten natürlich wie immer vom Weltmeister lernen. Daher haben sie für das Vorhaben einen bayerischer Wiesn-Gastwirt engagiert, der mit seiner geballlten Oazapf-Kompetenz beratend zur Seite stand.

Am letzten Wochenende habe ich mir zusammen mit Freunden das Spektakel einmal aus der Nähe angesehen. Die Anlage ist etwas ist schwer zu finden und liegt auf dem Gelände eines leicht verstaubten Vergnügungsparks, in dem man so lustigen Sachen wie Indoor-Krebs-Angeln machen kann.
Dort stehen also die acht wuchtigen Hallen, die teilweise den Charme eines Ersatzteillagers versprühen. Das war allerdings zu erwarten, denn in der Sprache der Chinesen gibt es kein entsprechendes Wort für „Gemütlichkeit“. Warum auch? In ganz China gibt es keine Gemütlichkeit. Was sollte man dann auch mit so einem Wort anfangen? Und Lagerhallenatmosphäre plus Neonlicht sind in China noch lange kein Hindernis für eine Riesengaudi.

Die Hallen, ungemütlich oder nicht, waren aber an jenem Samstagabend zum großen Teil erschreckend leer. In der Mitte der Gebäude, die an die Münchner Festzelte erinnern sollen, spielen chinesische Bands, die durch das in China übliche ohrenschmerz-garantierende Soundsystem und die nackten Betonfußböden eine Geräuschkulisse erzeugen, bei dem sich China-Greenhorns augenblicklich die Fußnägel aufrollen. Aber auch darüber will ich mich nicht beschweren, denn ohne diese Form der Lärmbelästigung wäre das Projekt “Rekord-Oktoberfest“ wahrscheinlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der normale Chinese erwartet schließlich bei jeder feierlichen Gelegenheit eine möglichst krächzende Beschallung – egal ob Hochzeit, Firmenjubiläum oder Straßenfest. Erst wenn für Deutsche die schrillen Töne aus den blechernden Lautsprechern die Grenze zur Körperverletzung überschritten haben, fühlen sich Chinesen so richtig wohl. Es muss halt ordentlich krachen.

In den Hallen bedienen neben einigen angeworbenen jungen Deutschen meist chinesische Kellnerinnen, die in den Trachtenkostümen ebenso lustig aussehen wie ihre männlichen Kollegen, deren Lederhosen aus irgendwelchen Gründen teils mit militärischen Tarnfarbenmustern bedruckt sind. Vergnügt hüpfen ganze Horden von ihnen über das Gelände. Sie scheinen die Veranstaltung für einen riesigen Spaß zu halten – sie haben ja auch jeden Grund dazu. Denn zumindest an diesem Tag gibt es keinen Moment, weder in den Zelten, noch an den Kirmesbuden, noch bei den Fahrgeschäften, in dem auch nur annähernd so viel Gäste zu sehen sind wie kostümierte Angestellte. Keine Spur von Akkordbedienung – wofür die deutschen Zenzis weltberühmt sind.

Das Essen schmeckt recht authentisch, besonders wenn man es mit den sonderlichen aufgespießten Fleischerzeugnissen vergleicht, die beim „Goldenen Hans“ als deutsche Spezialitäten angepriesen werden. Die Haxen, Brathändl mit Sauerkraut und Brezn zum Einheitspreis von 50 Yuan kann man entweder mit Stäbchen essen oder aber die mitgelieferten hygienischen Plastikhandschuhen zur Hilfe nehmen. Auch das Bier enthält scheinbar etwas mehr Hopfen als das durchschnittliche chinesische Erzeugnis und ist dadurch deutlich weniger geschmacksneutral.

Insgesamt habe ich mich auf dem Beijinger Oktoberfest sehr amüsiert. Ich hoffe, dass es keine einmalige Veranstaltung war und die große Gaudi auch im nächsten Jahr stattfinden wird. Ich frage mich nur, ob der Veranstalter und seine deutschen Berater an einer Form von Größenwahn leiden, oder aber eine Zukunftsvision haben, die einfach noch etwas Zeit braucht, um in den Köpfen und Herzen der Chinesen einen Platz zu finden. Ganz nach dem Motto: „Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit.“

Wenn man jedoch eine Anlage baut, bei der im Laufe des Monats etwa drei Millionen Gäste bewirtet werden sollen, ist das schon ein sehr gewagtes Projekt. Eine Maß Bier kostet auf dem Beijinger

Bierfest mit 90 Yuan (9,67 Euro) rund einen Euro mehr als beim Münchner Original (ca. 8,60 Euro). Ich bin nicht ganz sicher, ob in der Stadt derzeit überhaupt so viele Menschen leben, die zumindest theoretisch bereit wären, diesen Preis für ein Bier zu bezahlen. Ich kenne kaum welche. Nur zum Vergleich: Eine Flasche Tsingtao (0,6 Liter) kostet in kleineren Restaurants etwa 3 Yuan.

Daher mein Tipp für das nächste Jahr: Die Preise halbieren und insgesamt deutlich tiefer stapeln. Man könnte zum Beispiel einige der Hallen einfach wieder abreißen oder zum Indoor-Krebsangeln verwenden. Dann sähe es vielleicht nicht mehr so sehr nach „Größenwahnsinniger Investor greift vergeblich nach dem Oktoberfestmonopol in China“ aus. Aber wie gesagt, ich hab mich köstlich amüsiert und ich bin gespannt wie es weitergeht mit dem „größten Oktoberfest der Welt“.

Und das liegt nicht daran, dass ich unbedingt dabei sein möchte, wenn die Bayern dieses Auswärtsspiel verlieren sollten – bestimmt nicht. Und wenn sie dann doch scheitern, dann springe ich gerne ein. Ich sehe schon die Schlagzeilen, die rund um den Globus gehen: Der größte Fischmarkt der Welt steht jetzt in Beijing.



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Written by Sven Haenke

Sven Hänke war fünf Jahre DAAD-Lektor an der University of International Business and Economics (UIBE) in Beijing. Derzeit forscht er an der Humboldt Universität zu Berlin zum Thema Zeit-Metaphorik im Deutschen und Chinesischen. Seine Texte hier auf Doppelpod sind unter Creative-Commons 3.0 lizensiert. Sie sind geistiges Gemeingut – virtuelles Weltkulturerbe sozusagen. Sie können sie ausdrucken, weiterleiten, tweeten, verschenken, auf File-Sharing-Plattformen mit ihren Freunden teilen, in Foren posten, auf Ostereier drucken, ein Libretto daraus machen, ins Molwanische übersetzen, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Nur Geld verdienen dürfen Sie damit nicht.

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8 Responses to "Das wahrscheinliche größte Oktoberfest der Welt – in Beijing?"

  1. Zero One says:

    Hier die Homepage zu der Gaudi.
    http://www.bierfest.cn/
    Die Preise wurden bereits auf 60 Yuan/Maß reduziert.

  2. justrecently says:

    Die Besatzungsmächte, allen voran die Amerikaner, ha’m ihr’n Arsch in Heidelberg verfror’n (wie Peter Rühmkorf wohl gesagt hätte). Und Heidelberg ist nun mal nicht so weit weg von Bayern. Im Übrigen beinhaltete die früher in Amerika übliche Grand Tour Europas für Söhne aus besserem Hause mehr süd- als norddeutsche Kulturstätten. Die Bayern können nicht viel dafür, und wieviel Einfluss die Expertise des beratenden Bayern wirklich auf die Größe der Veranstaltung hatte, steht dahin.

    Im Übrigen bin ich kein großer Bierkenner, und finde Beijing Beer nicht wirklich so viel schlechter als die große Marke aus Qingdao – aber der Größenwahnsinn besteht wohl am ehesten darin, dass sie ihrem Nachbarn im Osten den Rang ablaufen wollen. Mit einem Biermarkt kann man die Lücke nicht füllen, die Shougang Steel mit seiner Umsiedlung in die Provinz gerissen hat. Der Ansatz ist weder wissenschaftlich noch innovativ. Und vor allem: wer will im Beijinger Winter noch Bier trinken? Die Saison endet spätestens im November. Garantiert.

  3. Empty Can says:

    Ein sehr gelungener Kommentar zum Thema Beijinger Bierfest. Du hast es ziemlich gut ins Schwarze getroffen.

  4. little China says:

    Der Text ist recht gut getroffen. Ich war auch vor Ort und muss sagen, das die ganze Aktion sehr schlecht geplant war.

    Die deutschen Mitarbeiter vor Ort sollten einen chinesischen Knebelvertrag unterschreiben, der keinerlei rechtliche Handhabe in Deutschland hätte.

    Von der Vortäuschung falscher Tatsachen ganz zu schweigen.

    Zunächst gab es an den ersten Tagen so gut wie keine Verpflegung und auch auf Rückfrage an das Personal war nicht mehr verfügbar – auch keine Getränke (die jungen Leute haben dann zum Teil Leitungswasser getrunken). Direkt bei der Ankunft am Flughafen mussten wir 3 Stunden ohne Rückmeldung und ohne Entschuldigung darauf warten abgeholt zu werden. Auch später wurden wir oft warten gelassen: An Treffpunkten mit 37 – 42 Grad, ohne Klimaanlage und Getränke. Zudem mussten wir regelmäßig stundenlang in den Festzelten sitzen, in denen die Klimaanlage ausgeschaltet wurde. Bei Beschwerden gab es Drohungen, man würde bei Abbruch der Arbeit nicht aus China ausreisen können. Nach mehrmaligen Telefonaten mit dem Auswärtigen Amt in Deutschland und der Deutschen Botschaft in China wurden wir eindringlich davor gewarnt unsere Reisepässe aus der Hand zu geben oder uns Auffällig gegen diese Schikanen aufzulehnen, da dies sehr unangenehme Folgen für uns haben könnte.
    Zum Glück konnten uns die Deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt aber auch Tipps zum Verhalten vor Ort geben, so dass wir wieder nach Hause gekommen sind.

    Und man kann die deutsche Betreuerfirma ruhig auch einmal beim Namen nennen: Firma Schottenhamel (diese hat auch immer Festzelte auf dem Oktoberfest in München, was natürlich zunächst den Eindruck vermittelt, man sei an eine seriöse Firma geraten). Leider weit gefehlt.

    Dieser Kommentar wurde von der Redaktion aufgrund einer unüberprüfbaren Tatsachenbehauptung gekürzt.

  5. Chris Goncalves says:

    Das mit dem Hakenkreuz und Schottenhamel kann ich kaum glauben…kann das wirklich wahr sein???

  6. Bert says:

    “Oazapf-Kompetenz”
    Wieso haben die Preußen immer die Angewohnheit aus jeder zweiten Silbe ein “oa” zu machen? Es heißt “ozapfn” aber “Oachkatzl” :-)

  7. Sven Haenke says:

    Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe es natürlich gleich korrigiert. Da wollen wird doch korrekt bleiben bei der bayerischen Mundart, wir Preussen, jawohl. Oach wenn’s schwer fällt.

  8. Mary says:

    Ich weiß, die Seite ist uralt und das hier liest wahrscheinlich eh keiner mehr, aber ich find euch bayernfeindliche Preußen echt niedlich. :D
    Denken sie haben ‘ne Ahnung von der bayerischen Kultur und schaffen’s dann nicht mal ein einziges, hundertfach im TV wiederholtes Wort richtig zu schreiben. Wer selber keinen Dialekt in diesem Ausmaße hat, sollte es wohl besser sein lassen. ;)
    Und ich will jetzt mal nicht drauf rumreiten, welches Bundesland seit Jahren die deutsche Wirtschaft rettet…
    Servus olle midanand!

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