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Rezension: Hier bin ich LaoWei


<eine Gast-Rezension von Cornelius Müller>

Wenn deutsche Unternehmer über ihre Erfahrungen und (Miss-) Erfolge in China berichten ist oft vom ” Lehrgeld bezahlen” die Rede. Als ich Auszüge von “Hier bin ich Lao Wei” von Dr. Bernhard Wessling auf einer Buchseite im Internet las, war mein erster Gedanke: Noch ein Klagelied, eine weitere Dokumentation interkulturellen Scheiterns – brauchen wir das wirklich? Bei weiterem Lesen löste Neugier die anfängliche Skepsis ab und machte schließlich Faszination Platz.


Der Autor, deutscher Unternehmer und Wissenschaftler, hat vor einigen Jahren Schwierigkeiten mit seinen Produkten in China, wie nicht wenige seiner Unternehmer-Kollegen. Auch nicht ungewöhnlich seine ursprüngliche Reaktion und Entscheidung, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und vor Ort “nach dem Rechten” zu sehen. Damit beginnt die aussergewöhnliche Geschichte eines Mannes, der sich plötzlich in Shenzhen wiederfindet, der 15-Millionen Stadt in Süd-China in der das tägliche Leben so ganz anders ist, offensichtlich und auf den ersten Blick, verglichen mit seinem bisherigen Leben und Wirken in der norddeutschen Provinz, wo er seine (im Vergleich zu China reichliche) Freizeit mit seinen Enkeln und auf einsam-erholsamen Naturbeobachtungen verbringen konnte. Nichts von alledem in Shenzhen, wird jetzt mancher China-Experte unken. Wrong place, my man, sorry for that.

Dr. Wesslings Beobachtungen gehen unter die Oberfläche. Er hat den Blick fuer das aussergewöhnlich-Gewöhnliche und er begegnet den Menschen, mit denen er zu tun hat, mit sympathischem Interesse. Sein Blick ist nicht getrübt durch exzessive Teilnahme an interkulturellen Trainingskursen, “Sun Tzu fuer Manager” ist ihm bis heute unbekannt. All diese Versäumnisse zahlen sich aus und das Resultat ist “Hier bin ich LaoWei”. Das Buch ist ein Zeitdokument einer jungen Stadt und vor allem der dort lebenden Menschen. Allfällige Statistiken (Bruttosozialprodukt, Verkehrsdichte, Durchschnittseinkommen etc.) werden, wenn überhaupt, am Rande erwähnt. Im Gespräch mit der Obstverkäuferin aus einer der westlichen Provinzen Chinas, dem Arzt (dessen Vater, ehemaliger Bauer, immer noch auf dem ” Dorf” lebt aber mittlerweile Eigentümer mehrerer Immobilen ist) und der Grossmutter-Marktfrau, die sich sorgt, dass ihre hübschen Enkelinnen den richtigen Mann finden, wird China aus einer Perspektive veranschaulicht, die auch manch langjährigem Einwohner Shenzhens verborgen geblieben ist. China, in der Tat, ist anders.

Bei all seinen Beschreibungen vermeidet der Autor jedweden Jargon und die sonst unter selbsternannten China-Experten so beliebten Allgemeinplätze, die mangelnde Sachkenntnis durch Phraseologie ersetzen müssen. Im “Business-Teil” des Buches wird daher Aufbau und Arbeitsweise von sich auf Vertrauen bildenden Beziehungs-Netzwerken in China sehr detailliert beschrieben, ohne dass der so oft falsch verstandene und angewandte Begriff “Guanxi” auch nur erwähnt wird oder bemüht werden muss. Eine sehr gelungene Beschreibung, die dem eigentlichen, ursprünglichen Begriff des “Guanxi” wahrscheinlich am Nächsten kommt.

Dieses lesenswerte und aussergewöhnliche Buch ist nicht nur all denen zu empfehlen, die zu Shenzhen eine persönliche Beziehung hatten, haben oder planen. Auch wer nur ein mehr als durchschnittliches Interesse an der jüngsten Geschichte Chinas hat sollte sich diese Betrachtungen, aus einer neuen Perspektive, nicht entgehen lassen.

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Weßling, Bernhardt: Hier bin ich Lao Wei – China ist anders. Mit offenen Augen durch ShenZhen, Norderstedt 2010



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